Nachlese zu Robert Baldauf

Der über lange Zeit völlig vergessene und erst im Rahmen der sog. Chronologiekritik vor einigen Jahren wiederentdeckte Robert Baldauf wurde am 22. April 1881 in Waldenburg (Schweiz) geboren. Über sein Leben und seine akademische Ausbildung wird zwar viel spekuliert, doch an belastbaren Fakten ist wenig bekannt.

Er studierte – seinen Veröffentlichungen nach zu schließen: – Altphilologie an der Universität Basel, und zwar bis zum Wintersemester 1901/1902, scheint aber nur zwei Semester dort eingeschrieben gewesen zu sein.[1]Leider hält sich seit Jahren an vielen Stellen im Internet und auch in diversen Publikationen hartnäckig die Legende, Robert Baldauf sei ein Schweizer, möglicherweise aber auch deutscher Philologe und Privatdozent an der Universität Basel im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewesen, über dessen Leben ansonsten nichts bekannt sei. Ganz sicher war er jedenfalls, wie leider auch in einschlägigen Foren berichtet wird,  weder Privatdozent an der Universität noch gar ein „Basler Professor und Sprachforscher“.[2] Solche vielfach kolportierten Behauptungen lassen sich nicht belegen, denn in den Dozentenverzeichnissen der Universität taucht der Name Baldauf nirgendwo auf.[3] Belege für einen Studienabschluss scheint es nicht zu geben, erst recht nicht für eine Promotion[4] oder als Nachweis eines Lehramtskandidaten namens Baldauf.[5]

Als gesichert kann jedoch gelten: 1904 wurde Baldauf einer von zwei (fest angestellten) Feuilletonredakteuren der renommierten Frankfurter Zeitung (heute FAZ).[6] Ganz überraschend dürfte dieser Berufsweg nicht gewesen sein, denn dass er sich schon zum Zeitpunkt der Abfassung des Buches für das Feuilleton, sein späteres Arbeitsgebiet, interessiert zu haben scheint, zeigt ein Zitat aus der deutschen Zeitschrift Bühne und Welt in seinem Buch über den Mönch von St. Gallen (Bd. I).[7] Robert Baldauf starb im Alter von 37 Jahren am 26. Mai 1918. Über die Ursache seines frühen Todes ist nichts bekannt, vielleicht erlag er der Spanischen Grippe, die während dieser Zeit in Frankfurt wütete. [8]

In den Jahren 1902 und 1903 veröffentlichte Baldauf zwei von – nach seinen eigenen Angaben –  vier geplanten Bänden unter dem allgemeinen Titel HISTORIE UND KRITIK (einige kritische bemerkungen), zuerst den vierten und erst ein Jahr später den ersten Band einer nach eigenen Angaben auf noch deutlich mehr geplanten Reihe.[9]  Mehr scheint jedoch nie erschienen zu sein, auch keiner von seinen noch nicht veröffentlichungsreifen „Aufsätzen“, die er im Vorwort zu Band IV erwähnt.

Im 1903 in Leipzig erschienenen Band I seiner Kritik mit dem Untertitel »Der Mönch von St. Gallen« versucht Baldauf mit textkritischen Analysen und Gegenüberstellungen ausgewählter Textstellen den Nachweis zu erbringen, dass die nur unvollständig erhaltene Schrift Monachus Sangallensis de gestis Karoli Magni, die dem St. Gallener Mönch Notker Balbulus (der Stammler) zugeschrieben wird, keineswegs der Karolingerzeit entstammt, sondern im 11. Jahrhundert vom St. Gallener Mönch Ekkehard IV., der als einziger darüber berichtet, selbst verfasst worden sei. Die seitenlangen, nur gelegentlich kommentierten Gegenüberstellungen lateinischer Zitate oder ausgewählter Textstellen machen aber bestenfalls ein Drittel des Bandes aus. Das Buch, das ebenso unvermittelt beginnt wie endet und alles andere als klar gegliedert ist, wirkt über weite Strecken wie eine – nur gelegentlich – kommentierte Materialsammlung. Es liest sich wie ein fleißiger Durchmarsch durch die ausführlich wiedergegebenen fachhistorischen Schriften der Zeit. Weitgehend liefert Baldauf lediglich Zusammenfassungen oder Zitate aus der einschlägigen Sekundärliteratur bzw. den Grundlagenwerken zu Notker und Ekkehart.[10] An zwei Stellen im Buch bezieht er sich auch auf mündliche Äußerungen des Altphilologen und Historikers Adolf Baumgartner, dessen Vorlesung Baldauf anscheinend besucht hat.[11] Die kunterbunte Aufzählung der Fülle an Übertreibungen und Geschwätzigkeit, frivoler Geschichten über das Geschehen in öffentlichen Bädern und die Verderbtheit des Klerus ist keineswegs uninteressant und verfehlt ihre Wirkung auf den heutigen Leser selbst dann nicht, wenn die Zitate wie hier relativ unsystematisch aneinandergereiht werden. Doch hat Baldauf all diese Geschichten samt den entlarvenden Kommentaren zum überwiegenden Teil der Sekundärliteratur entnommen. Das gilt auch für die vergleichende Gegenüberstellung von Textstellen der Autoren mit Passagen aus dem Alten und Neuen Testament, die verdeutlichen, dass die »Geschichtsschreibung« Notkers und Ekkeharts sich weitgehend nur aus verfremdeten Erzählungen der Bibel speist.[12] Diese Übereinstimmungen waren aber auch schon den von Baldauf herangezogenen Herausgebern von deren Schriften aufgefallen, so dass nicht einmal klar wird, wo Baldauf bloß referiert und wo er tatsächlich eine eigenständige wissenschaftliche Leistung erkennen lässt.[13]

Die von ihm in Band IV thematisierten Werke Notkers und Ekkehards, chronologisch durch zwei Jahrhunderte getrennt, weisen seiner Ansicht nach derartige Ähnlichkeiten auf, dass er – auch hier angeregt durch die Sekundärliteratur – die Vermutung aufstellt, sie seien Werke desselben Autors oder zumindest derselben Zeit. Gut die Hälfte von Band I besteht aus – meist lateinischen – längeren oder kürzeren vergleichenden Textzitaten, die belegen sollen, dass „eine sehr starke Übereinstimmung zwischen Notker und Ekkehart in der Vorliebe für eine auffallende reimprosa mit allerlei sprachlich – stilistischen eigenheiten zu konstatieren, wie allitterationen, assonanzen, kakophonieen, anaphern, gleichklängen, polysyndeta etc.“ sowie für den „antike(n) Rhythmus des Hexameters“ zu erkennen sei.[14]

Das Buch bricht wie unfertig nach 168 Seiten abrupt ab mit dem Satz: ich glaube, nunmehr die Identität der gesta- und casusautoren aussprechen zu dürfen: der monachus Sangallensis ist Ekkehart IV.  – die gesta Caroli sind ein werk des 11. und nicht des 9. Jahrhunderts.“ Das habe die einschlägige Sekundärliteratur ja sowieso bereits für andere Werke der Genannten wegen starker Übereinstimmung in Inhalt, Stil und Reimformen festgestellt.[15]

So würde man vielleicht eine Materialsammlung oder ein Thesenpapier resümmieren, aber keine wissenschaftliche Arbeit – schon gar nicht aus dieser Zeit. Es gibt – übrigens in beiden Bänden – kein Inhaltsverzeichnis, nicht einmal die verwendete Literatur wird separat gelistet und im Übrigen nur höchst unzureichend nachgewiesen.

Zudem ist Band I im Unterschied zum zuvor publizierten Band IV eng bedruckt, so dass der Eindruck entsteht, der Verfasser habe es in Eile auf eigene Kosten drucken lassen. Natürlich kann man hier über die Gründe im besten Falle nur spekulieren. Möglicherweise brauchte er Befähigungsnachweise für seine künftige Tätigkeit bei der Frankfurter Zeitung, da er seine Eignung ja anscheinend nicht durch ein abgeschlossenes Studium hätte belegen können.

Im nur 99 Seiten langen Band IV (im Querformat) widmet sich Baldauf den sensationellen Bücher- und Handschriftenfunden im Kloster St. Gallen zu Beginn des 15. Jahrhunderts. An den Schilderungen der italienischen Humanisten über ihre Funde in deutschen Klosterbibliotheken meldet er allerdings ernsthafte Zweifel an. Doch auch diese Stellen in Bd. IV bestehen im Wesentlichen aus einer Zusammenfassung der verwendeten Literatur.[16]

Baldauf hatte sich intensiv mit der Geschichte des berühmten Schweizer Benediktinerklosters St. Gallen beschäftigt, das damals eine der größten und ältesten Bibliotheken der Welt beherbergt haben soll. De facto handelte es sich in der Renaissancezeit aber wohl eher um eine völlig heruntergekommene Abtei, in der der ganze Konvent nur aus zwei bildungsfernen Männern des Adels bestand, dem Abt Heinrich von Gundelfingen und dem Probst Georg von Enne.[17] Baldauf stieß bei seinen Recherchen auf die Spuren eines möglichen Bücherraubes durch eine der schillerndsten Figuren des italienischen Humanismus, den Renaissancegelehrten Gianfrancesco Poggio Bracciolini[18], zusammen mit Cencio de Rustici und Bartolomeo De Monte Politiano – alle drei hochgebildet und gut vernetzte Diener der römischen Kurie. Sie sollen im Winter 1415 aus der Bibliothek dieses Klosters Manuskripte und Bücher entwendet oder auch nur kopiert haben, die – vorsichtig formuliert: – damals wie heute als antik gelten.

Was damals genau geschehen ist, weiß man nicht. Denn selbst die Anzahl der Werke geht in den Berichten, wie Franz Weidmann zu berichten weiß, weit auseinander. Poggio selbst spricht von Büchern dreier Autoren; in einem Schreiben seines venezianischen Mäzens Francesco Barbaro ist von deutlich mehr die Rede, und ein zeitgenössisches Periodikum will von bis zu „zwei Wagen“ voller Bücher oder Handschriften wissen.[19] Als einziger der drei römischen Besucher hat allerdings später nur Poggio von der „vollgedrängtesten Menge von Büchern“ in einem „scheußlichen und dunklen Kerker, auf dem Boden nämlich eines Thurmes, wohin nicht einmal die zum Tode Verurtheilten verstoßen werden sollten“ gesprochen, womit er den Klosterturm meinte, den nur er betreten haben will.[20]

„humanistenbriefe sind zwar bekanntlich eine eigene sorte von briefen. aber diese ‚eigenart‘ ist es eben, die auffällt“, kommentierte Baldauf trocken das undurchsichtige Geschehen.[21] Denn eine zeitgenössische „chronik des Gotzhaus St. Gallen“ weiß von einer großen Bibliothek und Bücherschätzen nichts zu berichten, wohl aber vom Abt Heinrich, der schon zwei Jahre nach dem Besuch aus Rom seines Amtes enthoben worden war: „der herr ist unwissent und liederlich gesin“, heißt es da, „und ward im consilium zuo Constentz abgesetzt“.[22] Doch auch die St. Gallener Äbte vorheriger Jahrhunderte waren nicht besser, da nur der Adel dem Kloster vorstehen durfte. Heinrichs Vorgänger wie der „blödsinnige Hildebold († 1328)“ oder sein direkter Vorgänger, „der unsittliche Cuno von Stoffeln († 1411)“ waren typisch für eine Ahnenreihe ungebildeter feudaler Stiftsherren, die ihr Kloster bloß als Pfründe betrachteten, mit der man in die eigene Tasche wirtschaften konnte. „Sie waren so unwissend, dass im J[ahr] 1291 das ganze Capitel mit seinem Abte nicht schreiben konnte, dagegen brachten sie ihr rohes Leben in Pferdeställen, auf der Jagd, bei Gastmählern und auf Kriegszügen zu und trugen zuletzt keine Spur eines geistlichen Lebens mehr an sich.“[23]

Soweit der Exkurs zum Kloster St. Gallen. Der Rest, und damit der überwiegende Teil des IV. Bandes (78 von 99 Seiten) besteht aus nur kursorisch kommentierten langen lateinischen (gelegentlich auch griechischen) Zitaten antiker Autoren (Horaz, Ovid, Lukrez, Martial, Cicero, Caesar und Homer). Baldaufs Studie zu „Metrik und Prosa“ will u.a. zeigen, dass manche antike Dichter Versmaße und Reime verwandten, die eher denen der mittelalterlichen Troubadoure ähneln.[24] Im Gegensatz etwa zu Jean Hardouin[25] ist er davon überzeugt, dass die Verse des Horaz mittelalterlichen Ursprungs sind und weist auf deutsche (Stabreime) und italienische Einflüsse in Ausdruck und Versmaß hin. Zu diesem Zweck nahm Baldauf eine willkürliche Umstellung der Verszeilen vor, um so die von ihm vermuteten zugrundeliegenden Reimschemata zutage treten zu lassen. Ob dieses Vorgehen überhaupt statthaft ist, mögen Fachleute beurteilen. Darüber hinaus zeigen sich laut Baldauf so ausgeprägte Parallelen zwischen der Dichtung des Horaz und des Ovid (obwohl sie vermutlich nichts von der Existenz des jeweils anderen wussten), dass er zu der Überzeugung gelangt, die Werke beider seien von einem Dritten – offenbar viel späteren Autor – verfasst worden; ein Umstand, den die klassische Philologie damit erklärt, dass die römische Literatur stark von griechischen Vorbildern und insbesondere den Schriften Homers beeinflusst war und die in der Ilias und der Odyssee verwendeten Motive die gesamte abendländische Literatur bis heute geprägt hätten.

Baldauf hingegen zieht daraus den Schluss, diese Werke seien zum größten Teil Fälschungen aus jüngerer Zeit. Dabei scheute er sich nicht, eine Gegenposition zur gängigen Lehrmeinung seiner Zeit einzunehmen, vermag aber außer Plausibilitätsbehauptungen und Vermutungen keine weiteren Belege anzuführen. Er verweist auf bedeutsame Parallelen zwischen den historischen Büchern des Alten Testaments und Werken der mittelalterlichen Romantik sowie Homers Ilias, die ihn zu der Annahme führen, dass der uns überlieferte Text der Ilias eher aus dem Spätmittelalter als der Antike stammt. Sieht man einmal von der weitgehend textanalytischen „Beweisführung“ ab, so sucht man belastbare Fakten für dieses weitgreifende Urteil vergeblich.

Statt dessen findet man eher eingestreute Feststellungen: Einige der für romanische Sprachen charakteristischen Ausdrücke, die man in den von ihm untersuchten Handschriften findet, würden zu keiner der beiden angeblichen Datierungen (die eine stammt aus dem neunten, die andere aus dem elften Jahrhundert) passen.

So gelangte Baldauf mit einer Art Kombination rein philologischer Methoden und daraus abgeleiteten weitreichenden Schlussfolgerungen zu ähnlichen Ergebnissen wie über 200 Jahre vor ihm der französische Jesuit Jean Hardouin[26] und stellt in seiner eigentümlichen Orthographie mit fast konsequenter Kleinschreibung fest:

„die periode des humanismus ist keine rezeptive zeit gelehrten sammeleifers gewesen, sondern eine welt der ureigensten, produktivsten, ungeheuersten geistigen thätigkeit“.[27]

 Doch ebenso wie Hardouin stellte er keineswegs deshalb die Zeitrechnung selbst in Frage, was sog. Chronologiekritiker – wie in Deutschland z. B. Heribert Illig oder in Russland Anatoli Fomenko – und zahlreiche Adepten freilich nicht davon abhält, in ihm ebenso wie im Jesuiten Hardouin einen verwandten Geist oder Ahnherrn zu sehen. Dabei macht Baldauf deutlich, dass es ihm überhaupt nicht um eine Neuordnung der Chronologie ging, sondern um eine Neudatierung vermeintlich antiker oder mittelalterlicher Schriften:

„das christenturn hat bis ans Ende des 13. jahrhunderts nur in der tradition bestanden, in der tradition, die durch die welt germanischen götterglaubens tief beeinflusst war, und aus dieser mit heidnischgermanischen elementen durchsetzten christlichen tradition schöpften die italienischen bibel-Schriftsteller.[28]

Seine Forschungsergebnisse fasst er mit folgenden Worten zusammen: „Homer, Aeschylus, Sophokles, Pindar, Aristoteles sind etwas näher zusammenzurücken. sie sind wohl alle kinder eines jahrhunderts. Ihre heimat ist aber gewiss nicht das alte Hellas, sondern das Italien des 14./15. Jahrhunderts gewesen. Unsere Römer und Hellenen waren die italienischen humanisten. (…) noch einmal: die auf papyrus und pergament geschriebene geschichte der Griechen und Römer ist durchweg, die auf erz, stein etc. geschriebene zum großen Teil eine geniale fälschung des italienischen humanismus.“[29]

Doch mit Aeschylos, Sophokles, Pindar und Aristoteles hat sich Baldauf zumindest in seinem gedruckten Werk nur kursorisch beschäftigt, und auch Homer dient eher als Beleg, dass es sich bei Notker Balbulus und seinem Werk um eine Erfindung aus einem späteren Jahrhundert handelt.[30] So bleiben die beiden Bücher beachtenswerte und zu Unrecht vergessene fragmentarische Fleißarbeiten, die jedoch die weitreichenden Schlussfolgerungen, die der Verfasser daraus zieht, nur unzureichend belegen können. Immerhin machte er keinen Hehl daraus, dass seine vorgelegten Veröffentlichungen die Schere zwischen seiner Fälschungsthese und den vorgelegten Beweisen nicht schließen konnten:

„diese behauptungen klingen abenteuerlich, mehr als seltsam“, schrieb er in seiner Schlussbemerkung, „aber sie lassen sich beweisen. Einige der beweise liegen hier vor. Andere werden folgen. Sie werden folgen, bis der humanismus in seinem innersten wesen erkannt ist.“[31]

Doch nichts dergleichen folgte! Mag sein, dass Robert Baldauf wirklich ein „genialer Philologe“ gewesen ist, doch lassen seine spärlichen Belege solche weitreichenden Schlüsse m. E. nicht zu. Deshalb scheinen auch nur diejenigen davon zu schwärmen, dass seine Entlarvung der angeblichen alten Literatur als humanistische Schöpfung (…) nicht zu widerlegen (ist)[32], denen die vorgefasste Meinung jeden vorurteilsfreien analytischen Blick so vernebelt hat, dass sie es vielleicht so genau gar nicht wissen wollen oder die Schriften, auf die sie sich beziehen, nicht einmal gelesen haben. Es spricht zwar nicht gegen Baldauf, dass seine Ansichten von zeitgenössischen Historikern verworfen wurden.[33]Doch was er veröffentlicht hat, erscheint mir weder methodisch „mustergültig“, noch „wirklich genial“ oder gar „revolutionär“ zu sein.[34] Denn es gelingt ihm nicht, seine Behauptungen methodisch sauber und ausreichend zu belegen.

Dabei war er selbst immerhin bescheiden genug, diesen Band mit den Worten einzuleiten:

„die hier mitgeteilten bemerkungen über die quellen der antiken geschichte (…) wollen nicht mehr sein als das, wofür sie sich ausgeben – einige kritische bemerkungen. an sie aber auch allein möge sich die kritik wenden — die schlüsse gehören mir, denn es sind schlüsse nicht allein aus diesen, sondern aus noch manchen andern, nicht minder überraschenden nachweisen.[35]

Beide Bücher waren lange Zeit extrem selten und in kaum einer Bibliothek zu finden. Baldauf war sicher kein begnadeter Stilist, argumentierte eher impulsiv als systematisch, und die ungewöhnliche Kleinschreibung (bis auf wenige Substantive) stört den Lesefluss ebenso wie die Tatsache, dass etliche Seiten keineswegs ohne Vorkenntnisse zu lesen sind und eher eine Fundgrube für Spezialisten des Lateinischen und Griechischen darstellen. Ob sein ungewöhnlicher Ansatz der Umwandlung katalektischer Versmaße in jüngere Metrik (Bd. IV) bei altsprachlichen Experten Zuspruch findet, mag bezweifelt werden. Die geringe Auflage scheint es jedenfalls zu seinen Lebzeiten verhindert zu haben, dass Baldaufs Veröffentlichungen von der zeitgenössischen Kritik überhaupt zur Kenntnis genommen wurden.

Erst seit ein paar Jahren gibt es neben den verfügbaren Online-Ausgaben seiner Bücher auch Faksimile-Nachdrucke, die bei einem indischen Verlag erschienen sind.[36]

Literatur

Archivmaterial des Staatsarchivs Basel (recherchiert u. dokumentiert von Andreas Volkart)

Baldauf, Robert: Historie und Kritik Bd IV. Das Altertum C. Metrik und Prosa Basel: Universitätsdruckerei Friedrich Reinhardt 1902. Faksimile-Nachdruck Delhi: Isha Books (= Gyan Books) 2013

Baldauf, Robert: Historie Und Kritik Bd I. Der Mönch von St Gallen Leipzig: Dyksche Buchhandlung 1903. Faksimile-Nachdruck Delhi: Isha Books (= Gyan Books) 2013

Baldauf, Robert: Das elsässische Problem auf der Bühne: Uraufführung von René Schickeles Schauspiel „Hans im Schnakenloch“ im Frankfurter Neuen Theater. In: Frankfurter Zeitung Nr. 351 (19.12.1916)

Geschichte der Frankfurter Zeitung 1856–1906, Frankfurt: Frankfurter Sozietätsdruckerei 1906

Greenblatt, Stephen: Die Wende. Wie die Renaissance begann [Berlin: Siedler Vlg. (jetzt: Pantheon) 2013]

Hardouin, Jean: Joannis Harduini Jesuitae ad censuram scriptorum veterum prolegomena. Iuxta autographum. Verlegt von Paul Vaillant, London 1766

Hardouin, Jean: Prolegomena zu einer Kritik der antiken Schriften. Übersetzt und kommentiert von Rainer Schmidt. Norderstedt: BoD 2021

Institut für Stadtgeschichte (Ffm): Frankfurter Stadtchronik 1918

Jansen, Max u. Schmitz-Kallenberg, Ludwig: Historiographie und Quellen der deutschen Geschichte bis 1500. Bremen: Europäischer Hochschulverlag 2011

Kirchen-Lexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, Band 4. Freiburg 1850

Lehnerdt, Max: Cencio und Agapito de‘ Rustici. Neue Beiträge zur Geschichte des Humanismus in Italien. In: Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte. NF XIV (1901), S. 289-310

Martin, Paul C.: Was las man denn zur Karolingerzeit? Teil II. In: Zeitensprünge 4 (2000), S. 639-661

Meyer von Knonau, Gerold: Ekkeharti (IV.) Casus sancti Galli (= St. Gallische Geschichtsquellen. Bd. 3 = Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte. Bde. 15/16), St. Gallen 1877

Rühle, Günther: Theater für die Republik. Im Spiegel der Kritik. Band 1: 1917-1925, Frankfurt: S. Fischer 1988

Wattenbach, Wilhelm: Notker Balbulus (der Stammler). Der Mönch von Sanct Gallen über die Thaten Karls des Großen. Übersetzt von Wilhelm Wattenbach. 3. verm. Aufl.  Leipzig: Dyksche Verlagsbuchhandlung 1890

Weidmann, Franz: Geschichte der Bibliothek von St. Gallen seit ihrer Gründung um das Jahr 830 bis auf 1841. Aus den Quellen bearbeitet auf die tausendjährige Jubelfeier. St. Gallen 1841


Anmerkungen

[1] Diese und weitere Informationen aus Schweizer Archiven verdanke ich Andreas Volkart, der Baldaufs Spuren in Basel exzellent recherchiert hat. Vgl. Sign. F.12.4 Staatsarchiv Basel-Stadt: Studentenkontrolle SS 1897 – WS 1901/02; Staatsarchiv Basel: Universitätsarchiv Basel Bestand AA3, Personalverzeichnis der Studierenden 1859–1904. Hier wird ein Robert Baldauf nur aufgeführt für ein Jahr – WS 1901/02, S. 13; ebd. SS 1902

[2] So zu lesen z.B. bei Paul C. Martin: Was las man denn zur Karolingerzeit? Teil II. In: Zeitensprünge 4 (2000), S. 639

[3] Sign. F 6.2 Universitätsarchiv Basel im Staatsarchiv Basel. Akten von 1820 bis 1963 zu Dozierenden (recherchiert u. dokumentiert von Andreas Volkart)

[4] Sign. XI 4a Universitätsarchiv Basel im Staatsarchiv Basel. Quittungen über philosophische Doktorexamina von 1900–1904. Philosophische Fakultät (recherchiert u. dokumentiert von Andreas Volkart)

[5] Sign. XI 5 Universitätsarchiv Basel im Staatsarchiv Basel. Prüfungen der Lehramtskandidaten im Zeitraum 1881 bis 1920 an der Universität Basel. Philosophische Fakultät (recherchiert u. dokumentiert von Andreas Volkart)

[6] „Als zweite Feuilleton-Redakteure waren längere oder kürzere Zeit tätig: Karl Hirsch, Emil Ney, Dr. Jüngst, seit 1898 Rudolf Geck (geboren am 8. Juni 1868 in Elberfeld), der von damals bis heute im Verein mit dem 1904 dazutretenden Robert Baldauf (geboren den 22. April 1881 zu Waldenburg in der Schweiz) an der soviel fordernden Redaktionsarbeit mit der gleichen Selbstverleugnung teilnahm.“ (Geschichte der Frankfurter Zeitung 1856–1906, Frankfurt: Frankfurter Sozietätsdruckerei 1906, S. 919f) Aus dieser Zeit sind nur wenige gedruckte Beiträge Baldaufs bekannt, durchweg Feuilletonartikel in der Frankfurter Zeitung, die er mit seinem Kürzel rb zeichnete, wie z.B. ein Artikel über Arthur Schnitzler (14.11.1911), über eine Frank-Wedekind-Inszenierung am Frankfurter Schauspielhaus (10.1.1916), ein neues Stück desselben mit dessen Frau Tilly in der Hauptrolle (28.11.1914), über August Strindbergs Stück „Gläubiger“ (26.9.1916) oder »Das elsässische Problem auf der Bühne: Uraufführung von René Schickeles Schauspiel „Hans im Schnakenloch“ im Frankfurter Neuen Theater«. (19.12.1916). Über das erfolgreiche Kriegsdrama des Elsässers Schickele, das von Deutschnationalen wie General Ludendorff als „Ärgernis im vaterländischen Sinne“ kritisiert wurde, schrieb Baldauf: „Deutscher zu sein, ist eine stolze Gewissheit oder eine frohe Verheißung – elsässischer Deutscher zu sein, ein Schicksal, wenn man unter dem deutschen Rock ein Band von ehrlicher Sympathie für Frankreich trug. So musste der Krieg mit seinem Zwang zu klarer Entscheidung fast als Befreiung, ja als Erlösung kommen. (…) In jenen Sturmtagen nationalen Aufschwungs mag nicht jedem im Reich so recht bewußt geworden sein, aus welchen Wehen dieser neue Geist unserer Westmark geboren wurde …“ (zit. nach Günther Rühle: Theater für die Republik. Im Spiegel der Kritik. Band 1: 1917-1925, Frankfurt: S. Fischer 1988, S. 48)

[7] Denn dass ein Baseler Student der alten Geschichte die neue, von Georg Wilhelm Elsner in Berlin herausgegebene Zeitschrift für Theaterwesen, Literatur und Musik (1899-1910 erschienen) las, war durchaus ungewöhnlich. Baldauf schreibt in Bd. I, S. 134: „eine moderne anekdote [bühne und welt I. 3] berichtet, dass ein autor in der neudeutschen metropole, der vom direkter eines theaters bei der probe seines eigenen stückes an die frische Luft gesetzt worden, wörtlich gejammert haben soll: »was, man will mich von meinem kinde trennen? ich habe es unter meinem herzen getragen; es ist fleisch von meinem fleisch, blut von meinem blut, und nun …«“ (aus: Bühne und Welt. Jg. I, 1. Hj. (1898-99, S. 133))

[8] Am 3. Juli 1918, nur wenige Wochen nach Baldaufs Tod, meldete die Frankfurter Zeitung, dass die spanische Grippe „seit etwa sechs Tagen […] auch in Frankfurt epidemische Formen annimmt. Die Zahl der Erkrankungen wächst täglich. In einigen Betrieben fehlt ein Drittel bis zur Hälfte der Belegschaft.“ (zit. nach: Frankfurter Stadtchronik 1918)

[9]die hier mitgeteilten bemerkungen über den »Mönch von St. Gallen« eröffnen eine reihe von aufsätzen, deren gesamtresultat gezogen ist in »historie und kritik«. IV. das Altertum, F. Reinhardt, Basel 1902.“ (zit. nach: Historie und Kritik Bd I. Der Mönch von St Gallen. Leipzig: Dyksche Buchhandlung 1903, Vorwort)

[10] Abgesehen von einigen Aufsätzen im Wesentlichen die Werke von drei Autoren: 1) [Ernst Christian Wilhelm Wattenbach (1819-1897)] Notker Balbulus (der Stammler): Der Mönch von Sanct Gallen über die Thaten Karls des Großen. Übersetzt von Wilhelm Wattenbach. 3. verm. Aufl.  Leipzig: Dyksche Verlagsbuchhandlung 1890; 2) Gerold Meyer von Knonau (Schweizer Historiker, 1843-1931): Ekkeharti (IV.) Casus sancti Galli (= St. Gallische Geschichtsquellen. Bd. 3 = Mittheilungen zur vaterländischen Geschichte. Bde. 15/16), St. Gallen 1877; 3) Franz Weidmann (Benediktinerpater und Bibliothekar des Stiftes St. Gallen, 1774-1843): Geschichte der Bibliothek von St. Gallen seit ihrer Gründung um das Jahr 830 bis auf 1841. Aus den Quellen bearbeitet auf die tausendjährige Jubelfeier. St. Gallen 1841

[11] Auf Seite 105 (u. S. 125) in Bd. I bezieht er sich auf eine „mitteilung von prof. Baumgartner-Basel“. Gemeint ist offenbar Adolf Baumgartner (1855-1930), der seit 1891 auf Empfehlung von Carl-Jacob Burkhardt ordentlicher Professor für allgemeine Geschichte an der Uni Basel war.

[12] So die Gegenüberstellung ausgewählter Passagen des Matthäus-Evangeliums und Notkers Gesta Caroli, Baldauf Bd. I, a.a.O., S. 100-103 und Entsprechendes für das AT ab S. 93

[13] Die Einschätzung wird weitgehend aus der Sekundärliteratur übernommen, zur Unglaubwürdigkeit der Schrift Ekkehards zum Beispiel zitiert Baldauf seitenlang (S. 95ff) aus Gerold Meyer von Knonaus Buch (s. Anm. 10)

[14] Baldauf, Bd. I, S. 167

[15] a.a.O., S. 168

[16] Im Wesentlichen handelt es sich hier um zwei Werke:  die bereits erwähnte Geschichte der Bibliothek St. Gallen von Franz Weidmann und einen Artikel von Max Lehnerdt über die Humanisten Cencio und Agapito de Rustici, Freunde und Mitstreiter von Poggio Bracciolini. Bei letzterem Autor scheint Baldauf aber nicht einmal die korrekte Schreibweise des Namens zu kennen (er schreibt hartnäckig: Lehnert) und gibt auch den Fundort nicht richtig an (Bd. IV, S. 11), da die Abhandlung Lehnerdts nicht 1900, sondern 1901 erschienen ist, und zwar in: Zeitschrift f. vergl. Literaturgeschichte. NF XIV (1901), S. 289-310, hier bes. die Seiten 294-298, in denen vom Fund in St. Gallen die Rede ist.

[17] dazu mehr in Bd. IV, S. 6-19

[18] Der wegen seines aufwendigen Lebensstils häufig klamme Poggio war Schreiber von acht Päpsten und berühmt für seine perfekte Beherrschung ganz unterschiedlicher Handschriftstile. Die Geschichte von Poggio Bracciolinis oft auf höchst phantastische, um nicht zu sagen: dubiose Weise gemachten Entdeckungen antiker Schriften, sei es Lukrez‘ De rerum natura, seien es Schriften des Plautus, Flaccus oder Qunitilian oder die Annales des Tacitus, muss wohl noch geschrieben werden. Ganz sicher jedoch nicht auf eine so affirmative Weise, wie es der amerikanische Literaturhistoriker Stephen Greenblatt in seinem ebenso materialreichen wie geradezu suggestiv geschriebenen Buch Die Wende. Wie die Renaissance begann [Berlin: Siedler Vlg. (jetzt: Pantheon) 2013] getan hat.

[19] vgl. Baldauf, Bd. IV, S. 16f sowie die ausführliche Darstellung in Franz Weidmann: Geschichte der Bibliothek von St. Gallen seit ihrer Gründung um 830 bis auf 1841. St. Gallen 1842, S. 38-43

[20] zit. in Weidmann, a.a.O., S. 40

[21] Baldauf, Bd. IV, ebd.

[22] zit. im Buch auf S. 14 nach O Lorenz: St. Gallener Mitteilungen II, 1863

[23] Kirchen-Lexikon oder Encyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften, Band 4. Freiburg 1850, S. 285

[24] Einige Verse, schreibt er, würden ihn an Walther von der Vogelweide erinnern. Vgl. Baldauf, Bd. I, S. 166f

[25] Joannis Harduini Jesuitae ad censuram scriptorum veterum prolegomena. Iuxta autographum. Verlegt von Paul Vaillant, London 1766, Kap. XV, Abschn. 21 (S. 251 der deutschen Übersetzung)

[26] vgl. dazu meine Einleitung zu den von mir übersetzten und kommentierten Prolegomena zu einer Kritik der antiken Schriften von Jean Hardouin. Norderstedt 2021

[27] Bd. IV, S. 98

[28] ebd.

[29] ebd.

[30] a.a.O, S. 97

[31] a.a.O., S. 99

[32] Christoph Pfister: Die Matrix der alten Geschichte. Eine Einführung in die Chronologiekritik. Norderstedt: BoD 2013, S. 27

[33] vgl. Max Jansen & Ludwig Schmitz-Kallenberg: Historiographie und Quellen der deutschen Geschichte bis 1500. Bremen: Europäischer Hochschulverlag 2011, S. 28f

[34] Pfister, ebd.

[35] Baldauf, a.a.O., Vorwort (S. 3)

[36] Robert Baldauf: Historie und Kritik Bd 4. Das Altertum C. Metrik und Prosa 1902. Faksimile-Nachdruck Delhi: Isha Books (= Gyan Books) 2013 [ISBN: 978-9333-1637-36]; ders.: Historie und Kritik Bd 1. Der Mönch Von St Gallen 1903. Faksimile-Nachdruck Delhi: Isha Books (= Gyan Books) 2013 [ISBN: 978-9333-1506-06]

5 Gedanken zu “Nachlese zu Robert Baldauf

    • Ich bin dieser Erwähnung nachgegangen und finde Ihre Zusammenfassung sehr gut dokumentiert. Viele von uns haben versucht, den echten Robert Baldauf aufzudecken, wie Sie es hier getan haben, was jedoch gescheitert ist. Es tut mir leid, dass mein Deutsch etwas falsch ist. Du hast natürlich überhaupt nicht versagt. Danke vielmals“

      • Thank you very much, I appreciate that you and Uwe Topper agree with the results of my research. But Peter Winzeler’s hint would not even have been necessary, because at the same time I also rewrote the German Wikipedia article accordingly.The key findings can thus be read there as well.
        However, some lectors were not amused, because Wikipedia – in principle understandably – does not wish to publish primary research results, but rather sources from the secondary literature. But in this case, unfortunately, there are no such sources. It was easier with the wikipedia article on Jean Hardouin, which I also largely rewrote, because here I was able to quote abundantly from the secondary literature and from my German translation of the Prolegomena on the basis of my own research. Since then, Hardouin is indeed depicted here and no longer substituted by a vignette of St. Peter like iin the previous 7 years.
        And just for the record: Occam meets Pooh is simply a play on words. For me, it means not using Occam’s razor in a deadly serious way, but with the corrective of the naive and unintentionally funny Winnie the Pooh.

    • Approval granted! Thank you very much for this translation, it is really well done, if I may state that as a non-english native speaker at all. However, it is confusing to also translate the book or magazine titles in the notes, because there are no English versions of them.

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